Deutscher Homöopathie-Kongress 2026 in Köthen

Drei Tage, viele Impulse und überraschende Debatten

Am 14. bis 16. Mai gab es mal wieder einen Kongress in der Hahnemannstadt Köthen. DZVhÄ und WissHom hatten sich zusammengetan und so fand der „Deutsche Homöopathie-Kongress“ dieses Jahr unter einem Doppeldach und dem Motto „Homöopathie als Chance“ statt. Eine sehr gute Idee, wie sich herausstellte. Es gab nur qualitativ sehr hochwertige Vorträge.

Nach den Grußworten der DZVhÄ-Vorsitzenden Monika Kölsch, dem WissHOM Vorsitzenden Professor Michael Frass und der Oberbürgermeisterin Christina Buchheim begann der Kongress mit einem fulminanten Eröffnungsvortrag von Professor David Martin dem Leiter des Instituts für integrative Medizin und dem Gerhard Kienle Lehrstuhl der Universität Witten /Herdecke. Er nahm die Rollen eines Homöopathie-Kritikers auf der einen Seite und eines Homöopathie-Befürworters auf der anderen Seite ein und in einer Art Schauspiel diskutierte er mit sich selbst. Die überzeugenden Argumente auf beiden Seiten zeigten deutlich, dass eigentlich beide Seiten Recht haben.

Danach lief durchgehend ein vielfältiges Parallelprogramm, sodass man sich immer zwischen zwei bis vier Vorträgen oder Workshops entscheiden musste. Daher zeigt dieser Rückblick nur einen kleinen Ausschnitt des Kongresses – aus meinem ganz persönlichen Blickwinkel.
 

Zunächst entschied ich mich für „Beiträge zu einer verantwortungsvollen Hausarztmedizin“ von Professor Stefan Baumgartner und Dr. Marcus Reif. Prof. Baumgartner fasste nochmal die Studienlage zusammen. Es wurden 708 Studien zur klinischen Homöopathie erfasst, 526 waren randomisiert und davon 186 auch individualisiert. Er erklärte, das RCTs (randomized controled trials) nicht alle Fragen beantworten können und diese auch zu einer Störung des Arzt-Patienten-Verhältnisses führen können. Für viele Fragestellungen brauchen wir zusätzlich Beobachtungsstudien. Bei konventionellen Studien beurteilt man den Effekt einer Intervention über die Intervention und den Placeboeffekt. Bei Studien zu homöopathischen Arzneien muss man den Effekt der Anamnese noch mitberücksichtigen.

Schon 2001 publizierte Riley, dass homöopathisch arbeitende Ärzte in nur 1,8% der Fälle Antibiotika einsetzten und es in 82% der Fälle zu Besserungen kam. Konventionell arbeitende Ärzte setzen dagegen in 70,9% aller Fälle Antibiotika ein und erzielten nur 68% Besserung. Trotz dieser Erkenntnisse wurden keine Konsequenzen gezogen
 

Dr. Marcus Reif erklärte dazu das statistische Vorgehen und welche Einflussfaktoren man berücksichtigen muss. Wichtig bei Beobachtungsstudien, dass man höherer Fallzahlen braucht, um eine statistische Power errechnen zu können. Er berichtete von der HaHNOPAKT Studie, in der deutschlandweit 59 Hausärzte und HNO-Praxen mitgemacht haben. Von 2024-2025 wurden Infektionsraten beobachtet und 764 Patienten eingeschlossen. Es zeigte sich eine Verbesserung der Symptomatik bei den homöopathisch behandelten von 82% vs. 72% bei den konventionell behandelten, was statistisch einen signifikanten Unterschied machte

Auch Dr. Klaus von Ammon sprach über Studien. Er erklärte zunächst den Unterschied von Evidenz (Unmittelbare kognitive Nachvollziehbarkeit eines Zusammenhangs) zu Evidence (Beleg).
Er empfahl große Patientensammlungen (er sagt nie „Fall“) anzulegen und bei Patienten, von denen er nach einer initialen Anamnese nichts mehr hört nachzufragen. Nach seiner Erfahrung sind davon 80% der Fälle gut gelaufen.

Dann stellt er nochmals klar, dass von allen RCTs in der Homöopathie 55% nicht zu einem klaren Ergebnis kommen, 42% positiv für die Homöopathie ausfalle und 3% negativ. In der konventionellen Medizin sieht es mit 45%, 45% und 10% sehr ähnlich aus.


Außerdem betont er, dass nach Studienlage die Wirksamkeit der Homöopathie, der der konventionellen Medizin entspricht, dazu aber die Lebensqualität bei den homöopathisch behandelten Patienten deutlich besser ist. Wirtschaftlich ist die Homöopathie nicht immer günstiger, besonders, wenn sie ergänzend zur konventionellen Medizin eingesetzt wird.

Dr. Annekatrin Ücker berichtete über systembiologische Ansätze in der homöopathischen Grundlagenforschung. Neue Netzwerkanalysen werden günstiger und machen Analysen einfacher. Es gibt viele sogenannte „OMICS“-Studien, wie Genomics, Transcriptomics, Proteomics, Metabolomics ect. Auch bildschaffende Methoden wir Kristallisationsmodelle werden hinzugezogen.

In der letzten Session des ersten Tages gab es einen tollen, aber für die Uhrzeit sehr anstrengenden philosophischen Vortrag von Professor Josef Schmidt: Homöopathie und die Macht von Märkten, Medien und öffentlicher Meinung. Ich habe mitgenommen, dass seit der Entdeckung des Geldes im 6. Jhd. V. Chr. aus einem ideellen Gebrauchswert von Waren diese einen „Wert“ bekamen. Seitdem ist der Mensch Sklave des Geldes. Das unpersönliche quantifizierendes Denken begann. Die Menschen sind mittlerweile sehr wissenschaftsgläubig, was den Blickwinkel sehr verengt. Ein regelrechter Wachstumszwang regiert die Welt und der Mensch strebt nach permanenter Wellness. Schmerz und Leidüberwindung, an dem man wachsen kann werden vermieden und unterdrückt.

Den Tag schloss Dr. Marion Baschin mit Denkanstößen aus der Geschichte ab. Sie berichtete von Lutze, einem Postbeamten, der als Homöopath berühmt wurde und in Köthen eine Klinik baute. Er ebnete jedoch auch der Komplexmedizin den Weg, indem er eine von Hahnemann nicht autorisierte 6. Auflage des Organons veröffentlichte. Darin wurde beschrieben, zwei Mittel gleichzeitig zu verabreichen – ein Ansatz, den Hahnemann später selbst wieder verwarf.
 


Den Auftakt des zweiten Tages gestaltete Frau Susann Buchheim-Schmidt mit Tipps für die Apothekenberatung bei Lieferengpässen von Arzneien. So kann man bei fehlenden Fiebersäften und -zäpfchen gut zu Aconitum, Belladonna, Ferrum phosphoricum oder Gelsemium raten. Dabei zeigte sie auch die jeweiligen Differentialdiagnosen anschaulich auf. Aber auch Komplexmittel wie Infludoron oder Viburcol Zäpfchen kommen in Frage. Auch für viele andere Arzneimittel-Engpässe wurden Alternativen gezeigt. 

In einem zweiten Vortrag ging sie auf rechtliche Dinge ein. Themen wie Registrierung, Zulassung, Importe und Betäubungsmittelgesetz für Drogenmittel kamen zur Sprache.

Dr. Heike Gypser erklärte in ihrem Vortrag wie Hahnemann über die Jahre mit unterschiedlichen Verdünnungsschritten arbeitete. Erst 1839 legte er sich auf die 10 x Verdünnung fest bzw. kam darauf zurück. Die Verreibung gab es erst seit 1821. Vehsemeyer führte dann die D-Potenzen ein, die es nur in Deutschland gibt. Fincke hielt Verschüttelung gar nicht für nötig. Auch heute schlägt sich leider diese Heterogenität noch in vielen unterschiedlichen Arzneimittelbüchern auf der Welt nieder.

Dr. Sophia Johanson eine Ärztin, die sich zwar für Frauenheilkunde interessiert, aber keine Gynäkologie ist, berichtete zur Kraft von Placenta. Placenta als Heilmittel ist extrem wertvoll für fehlende Kraft nach der Geburt, gibt Energie im Wochenbett, fördert Milchbildung und wirkt gegen Wochenbettdepressionen. Sie promovierte über die verschiedenen Zubereitungsarten von Placenta wie „roh“, getrocknet, gedünstet und getrocknet und untersuchte im Detail die Inhaltstoffe. Placentophagie ist im Tierreich weit verbreitet und kommt auch bei Primaten vor.  In der Humanmedizin müssen wir uns wohl erst daran gewöhnen.

Dr. Tom Vogel und die Hebamme Helga Häusler berichteten über ihr H.O.P.E. Projekt. Frau Häusler beanstandet vor allem das alte Frauenbild, was sich heute immer noch durch die Materica Medicae und Repertorien zieht. So gibt es noch 18 Rubriken zu „Nymphomanie“. Sie plädiert für eine unbedingt notwendige Überarbeitung der Symptomenbilder. Die beiden haben aus 150 Quellen, die 180 Jahre Erfahrung in der Geburtshilfe abdecken 250 Arzneien zusammengetragen.

Tom Vogel stellte auch sein zweites Projekt vor, das Pneumonie Projekt HPP. Lungenentzündungen sind die häufigste akute Todesursache. Vor allem in Kliniken sterben die Menschen daran aufgrund von Antibiotikaresistenzen, Antibiotikalieferschwierigkeiten und viralen Pneumonien. Dazu hat er das über 800 Seiten umfassende Buch „Pneumonia – A Synoptic Guide“ veröffentlicht.  Es ist als Open source z.B. bei der Constantin Hering Stiftung zum Download verfügbar. Es enthält Leitlinien für Aufnahme, Untersuchung, Beste Dosierung und Verlaufskontrolle sowie 500 Fallberichte und 151 Arzneien für diese Indikation.
 

Der Tag ging mit einer Podiumsdiskussion zum Thema „Das Simile Prinzip“ zu Ende. Im Podium saßen Dr. Klaus von Ammon, Dr. Marion Baschin, Prof. Stephan Baumgartner, Prof. Susanne Schnittger. Ich glaube, diese Veranstaltung verlief etwas anders als geplant, da der Moderator Carsten Tesch aus Sicht von uns Homöopathen teils sehr ungewöhnliche Fragen stellte, die vermutlich eher für den Radiohörer bzw. medizinischen Laien konzipiert waren. Auf manche davon hatten wir nicht sofort eine Antwort – oder sie machten uns teilweise sprachlos. Im Fachpublikum führte dies vorwiegend zu Verwunderung.

Am letzten Tag referierte Dr. Petra Weiermayer zum Thema Reduktion von Antibiotika in der Veterinärmedizin: Fallbericht über Wundheilungsstörung durch multiresistente Keime in denen es keine anderen Therapieoptionen mehr gab. Hier hatte man viel Erfolg mit homöopathischer Behandlung.
 


Im nächsten Vortrag präsentierte Prof. Diana Steinmann ihre politische Arbeit in vielen unterschiedlichen Organisationen wie AEKN, Arbeitskreis Prävention (vertritt sie die integrative Medizin/Homöopathie), AIM, weil´s hilft.

Sie hält den Ausschluss der Homöopathie aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen für paradox: Zum einen sei das tatsächliche Einsparpotenzial gering, zum anderen biete die evidenzbasierte homöopathische Therapie durchaus Chancen zur Kostenreduktion – etwa im Zusammenhang mit dem Antibiotika-Problem.

Am Ende gab es schöne Fallbeispiele von Dr. Martine Jus, Dr. Anna Gerstenhöfer, Dr. Sigrid Kruse, Prof. Michael Frass und Professor Uwe Reuter.

Was für ein großer und runder Kongress.

Prof. Dr. rer. nat. Susanne Schnittger
Vorstand Forum und Akademieleitung